Verstehen Sie mich? – Wie die Mund-Nasenbedeckung unsere Kommunikation beeinflusst

 

Ein Beitrag von Sofia Schellhorn, Carolin Harsch und Anna Graf

Wir schreiben das Jahr 2021. Noch immer bestimmt die Coronapandemie den Alltag weltweit. Am 27.01.2020 ist das Coronavirus in Deutschland angekommen. Dies hatte weitreichende Folgen für den Alltag der Bevölkerung. Seit dem 27.04.2020 gilt in Baden-Württemberg die verpflichtende Maßnahme eine Mund-Nasenbedeckung zu tragen. Wir haben uns die Frage gestellt, inwiefern diese Verordnung die soziale Interaktion und zwischenmenschliche Kommunikation beeinflusst.


Wie das mimische Zusammenspiel von oberer und unterer Gesichtshälfte unsere Emotionserkennung beeinflusst

Was ist eine Emotion?

 „Eine Emotion ist ein qualitativ näher beschreibbarer Zustand, der mit Veränderung auf einer oder mehreren der folgenden Ebenen einhergeht: Gefühl, körperlicher Zustand und Ausdruck.’’[1]

Die Mimik, der Ausdruck, gilt somit als essenzielles Werkzeug jedes Individuums in der Bildung und Interaktion sozialer Beziehungen. Die Fähigkeit Emotionen lesen zu können und diese zu interpretieren, lernen Menschen schon von klein auf. Hierfür ist die Ausbildung von Spiegelneuronen maßgeblich.

In einer experimentellen Studie mit 41 Probanden von Wahrnehmungspsychologe Prof. Dr. Claus-Christian Carbon zum Einfluss von Gesichtsmasken auf menschliche Emotionserkennung[2] konnte man feststellen, dass bestimmte Emotionen für die Probanden schwerer zu erfassen waren oder fehlinterpretiert wurden, wenn das zu bewertende Gesicht eine Gesichtsmaske trug. Die Probanden sollten Gesichtsausdrücke mit und ohne Gesichtsmaske bewerten anhand von Fotos.

Die Gesichter zeigten die sechs Ausdrücke Angst, Wut, Ekel, Freude, Trauer und neutral. Diese sind Teil der Basisemotionen.

      Abbildung 1        Die sechs Basisemotionen mit und ohne Maske 

 

So wurden Basisemotionen wie Freude oder Ekel ohne sichtbare Beteiligung der unteren Gesichtshälfte häufiger fehlinterpretiert. Ekel wurde vermehrt mit Wut verwechselt, während Wut, Trauer und Freude eher als neutral gewertet wurden. Die Verwechslungen könnten darauf hinweisen, dass bei diesen Emotionen die untere Gesichtshälfte den dominanteren Impuls für die Emotionswahrnehmung setzt. Des Weiteren beobachteten die Forscher, dass die Probanden weniger auf ihre eigene Emotionsbeurteilung vertrauten.

 

Spieglein, Spieglein in meinem Hirn, wie fühlt er sich wohl hinter seiner Stirn?

 

„Empathie und Selbstempathie gehören zu den Schlüsseln“ einer gelungenen Kommunikation, das legte der Psychologe Friedmund Schulz von Thun bereits 1981 in seinem Kommunikationsmodell fest.[3] Empathie - die Fähigkeit, die Gefühle anderer zu lesen und sich von ihnen anstecken zu lassen, verdanken wir bestimmten Nervenzellen in unserem Gehirn, den Spiegelneuronen. Diese sind eng verbunden mit den Planungs- und Handlungsneuronen. Beobachten wir eine Handlung, also die Mimik unserer Gesprächspartner, aktivieren die Spiegelneuronen die Planungsneuronen so, als hätten wir selbst den Plan diese Handlung durchzuführen. Sie übertragen somit die Emotionen unseres Gesprächspartners auf uns, wodurch wir uns intuitiv in ihn hineinfühlen können. Es entsteht also ein Spiegelbild von dem was wir sehen.[4] Doch inwiefern hilft Empathie jetzt dabei, mit anderen zu kommunizieren?

                       Abbildung 2        Wirkung der Spiegelneuronen          


Unter Kommunikation versteht man den Austausch von Informationen, damit diese Informationen beim Empfänger in den richtigen Kontext gesetzt werden, muss sich der Empfänger in die Gefühlslage des Senders hineinversetzen können - er braucht Empathie.[5]

Wir wissen also jetzt: Für eine gelungene Kommunikation bedarf es Empathie, welche wir den Spiegelneuronen in unserem Gehirn verdanken. Damit die Spiegelneuronen aktiviert werden können, um die Gefühle unserer Mitmenschen zu spiegeln, müssen wir allerdings das Gesicht sehen können. Durch die Verordnung des Tragens einer Mund-Nasen-Bedeckung wird allerdings bereits 2/3 des Gesichts bedeckt, wodurch unsere angeborene Fähigkeit zur Empathie enorm eingeschränkt wird.

 

„Ich kann euch nicht verstehen“ – wie gehörlose Menschen darunter leiden

Diese Aussage trifft Stefanie Schmid in einem ihrer zahlreichen YouTube Videos[6]. Stefanie Schmid wurde taub geboren und setzt sich für den Abbau von Barrieren für gehörlose Menschen ein. Sie führt einen eigenen Blog und arbeitet seit Jahren als Dolmetscherin[7].



Bericht der Lokal Zeit OWL in dem ihr einen Einblick in Steffis Leben bekommen könnt

 

In Deutschland leben rund 83.000 gehörlose Menschen[8]. Neben der erschwerten Emotionserkennung wird für Gehörlose noch zusätzlich das Absehen vom Mund unmöglich gemacht. Die Kommunikationsmöglichkeiten werden durch die Maskenpflicht erheblich erschwert, wodurch Gehörlose noch zusätzlich aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt werden. Auch Gehörlose Menschen können nicht alles von Lippen absehen, da sich nur 15-30% der Laute durch Lippenbewegungen unterscheiden lassen[9]. Dabei ist das Absehen sehr anstrengend und erfordert viel Konzentration. Für Gehörlose ist Lippenlesen jedoch neben dem Aufschreiben die einzige Möglichkeit, ohne weitere sprach-begleitende Zeichen oder Gebärden den Gesprächspartner zu verstehen[10].

 

Was können wir also tun, um Kommunikation für gehörlose Menschen auch mit Mundschutz zu ermöglichen?                                                              

àMasken mit Sichtfenster wären für viele Gehörlose zumindest eine Hilfe. Doch leider ist kaum jemand bereit solche zu kaufen oder diese selbst herzustellen. Vor allem bei Arztbesuchen oder im Einzelhandel wäre das Absehen vom Mund eine große Erleichterung für gehörlose Menschen, um besser am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Seid ihr dazu bereit? Schreibt uns gerne einen Kommentar dazu!

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                                                                                                                                         Wir haben euch hier eine einfache Anleitung wie ihr solche Masken selbst nähen könnt.


Wie können wir also trotz des Tragens einer Mund-Nasenbedeckung die Kommunikationseinschränkungen ausgleichen?

Wir sollten verstärkt auf die Körpersprache, wie die Gestik und die Mimik der Augenpartie achten. Außerdem wäre es hilfreich im Gespräch präzise seine Gefühle in Worte zu fassen z.B. „Ich freue mich darüber, dass…“. Die Stimmlage ist für das Erkennen der Gefühlslage aufschlussreich, weswegen wir im Gespräch unsere Aufmerksamkeit ebenfalls auf die Artikulation unseres Gegenübers legen sollten. Bei Unklarheit sollten wir uns nicht scheuen bei unserem Gesprächspartner nachzufragen, denn wir sitzen schließlich alle im selben Boot.

 

 

Für Interessierte:)

https://d-nb.info/1009392883/34

https://www.bdp-verband.de/aktuelles/2020/06/corona-und-die-nonverbale-kommunikation.html

https://www.spektrum.de/news/wie-veraendert-ein-mundschutz-unsere-kommunikation/1735910

Steffis Website: https://steffis-dgs.de/

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/masken-machen-kommunikation-fuer-hoergeschaedigte-unmoeglich-16736920.html

Link zu TikTok von Cindy Klink: Originalton created by Cindy Klink | Popular songs on TikTok

Gesetzt zur Gleichstellung von M.m.B. DGS (Deutsche Gehörlosensprache) wird als eigenständige Sprache anerkannt: (10.07.2018). Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz.https://www.gesetze-im-internet.de/bgg/BJNR146800002.html

Film: Mimik in Zeiten der Maske | MDR.DE

Film  Gehörlosenschule: SWR Aktuell Baden-Württemberg: Welttag der Gebärdensprache: Erschwerte Kommunikation mit Maske | ARD Mediathek


Literaturverzeichnis

-Gatterburg, A. (30. Juni 2015). Der Spiegel. Von https://www.spiegel.de/spiegel/spiegelwissen/d-135652853.html abgerufen

-Kauffmann, S. (28. August 2018). Planet Wissen. Von https://www.planet-wissen.de/natur/forschung/spiegelneuronen/index.html abgerufen

-Kuhbandner, C. (13. November 2020). Heise online. Von https://www.heise.de/tp/features/Maskenpflicht-in-der-Grundschule-4959380.html abgerufen

-Schmidt-Atzert 1996, S.21. Von https://www.uni-frankfurt.de/43720390/Becker2.pdf

-Carbon 2020. Von https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2020.566886/full

-Steffi's DGS. (22.04.2020). YouTube. Von https://www.youtube.com/watch?v=SAQJUm5DwzQ abgerufen

-Stefanie Schmidt. Steffis DGS. Von https://steffis-dgs.de/ueber-mich/ abgerufen

-Deutscher Gehörlosen-Bund V.E. (17 Juli 2019). Von https://www.gehoerlosen-bund.de/sachthemen/statistik%20der%20geh%C3%B6rlosen%20menschen abgerufen

-Information für gehörlose und schwerhörige Menschen mit zusätzlichen Handicaps. imph plus. Von https://www.imhplus.de/index.php?option=com_content&view=article&id=354&Itemid=83&lang=de abgerufen

-Wagenbach, W (Mai 2005). Schwerhörigen Netzt. Von https://www.schwerhoerigen-netz.de/fileadmin/user_upload/dsb/Dokumente/Information/Aus-und_Weiterbildung/Selbsthilfeseminare/Absehen/Wer_nicht_hoeren_kann_muss_absehen.pdf abgerufen

 


[1] Schmidt-Atzert, 1996, S.21

[2] Carbon 2020

[3] Gatterburg, A. (30. Juni 2015). Der Spiegel

[4] Kaufmann, S. (28. August 2018). Planet-Wissen

[5] Kuhbandner, C. (13. November 2020). Heise online.

 

[6] Steffi's DGS. (22.04.2020). YouTube

[7] Stefanie Schmidt. Steffis DGS

[8]Vgl. Deutscher Gehörlosen-Bund V.E. (17 Juli 2019)

[9] Vgl. imph plus.

[10] Vgl. Wagenbach, W (Mai 2005). Schwerhörigen Netzt



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